Folge 35: Der Schmerz der Geschwister

 

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Wir lieben unsere Kinder, jedes auf seine Weise und den meisten fiele es sehr schwer zu sagen, ob eines wichtiger ist als das andere. Wenn ein Kind stirbt, fällt diese Ordnung zunächst auseinander, die Gleichheit unter den Kindern ist unterbrochen, das gestorbene Kind rückt nun ganz in den Mittelpunkt. War es vorher ein Teil des Ganzen, so steht sein Tod nun im Zentrum des Erlebens. Die Gedanken und Gefühle sind bei ihm und sein Sterben wird von der Familie beklagt und betrauert. Man sorgt sich auch um die anderen Kinder, gewiss, und doch haben jetzt andere Dinge Priorität. Die Eltern sind oft ganz mit sich beschäftigt, sie tun notdürftig das Wichtigste und sind sichtlich angeschlagen. Dann kommt es oft vor, dass ein Kind versucht die Eltern zu trösten. „Wir schaffen das, Mama. Ich bin für dich da“. So rührend diese Geste auch wirken mag, in ihr liegt etwas Falsches. Denn hier sind plötzlich die Rollen vertauscht. Das Kind übernimmt die Elternfunktion, die eigentlich du innehaben solltest.

Auch die Geschwister sind destabilisiert, aber deren Verlust ist ein anderer als der von Mutter und Vater. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber Geschwister sind füreinander meist weniger wichtig als Kinder für ihre Eltern. Aber etwas anderes wiegt schwer: Neben Bruder oder Schwester haben die Geschwister ihre funktionsfähigen Eltern und die intakte Familie verloren. Ich hatte die Gelegenheit mit vielen Geschwisterkindern zu sprechen. Ausmaß und Tiefe der Trauer waren unterschiedlich, und ein sehr großer Teil beschreibt bereits nach wenigen Monaten eine deutliche Stabilisierung des eigenen Schmerzerlebens in Bezug auf den Verstorbenen. „Mein Bruder würde wollen, dass ich meinen Weg gehe…“, ist eine typische Aussage. Große Sorge zeigen sie dagegen in Bezug auf ihre Eltern. Sie nehmen wahr, dass es denen mit der Zeit schlechter, statt besser zu gehen scheint. „Meine Eltern beschäftigen sich nur mit der Trauer um meinen verstorbenen Bruder. Sie sehen mich nicht mehr, ich kann noch so gute Dinge machen, sie nehmen es kaum wahr. Sie wirken auf mich immer unglücklich.“

Hast du je deinen Vater weinen sehen? Wenn ja, erinnerst du dich daran, denn es hat dich erschüttert. Eine wohl universelle Regel besagt, dass Kinder sich starke und glückliche Eltern wünschen. Die Psychotraumatologin Tita Kern spricht davon, dass Eltern die Leuchttürme ihrer Kinder sind. Es ist ihre Beständigkeit und Stärke, die den Kindern hilft, ihr eignes Leben zu entwickeln. Sie brauchen deren emotionale Stabilität und Belastbarkeit, um in der eigenen Entwicklung die notwendige Orientierung zu finden. Nach einem Kindsverlust ist bei den Eltern in der Akutsituation davon manchmal nicht viel übrig. Das Ausmaß ihrer offensichtlichen Verstörung erschreckt die lebenden Kinder. Deine Kinder dürfen sehen, dass du traurig bist. Wenn du aber stunden- oder tagelang nur weinst, kann es sein, dass sie sich nutzlos und überflüssig fühlen. Natürlich brauchst du eine Zeit, wo du dir erlaubst, deinen Kummer voll zu erleben, aber tue es nicht vor deinen Kindern. Manchmal sehe ich Kinder, die nehmen ihre Eltern zerfressen von Kummer wahr und fragen sich, ob die Eltern wohl auch um sie so trauern würden. Im schlimmsten Fall haben sie den Eindruck, das falsche Kind sei gestoben. Wären sie statt dem Geschwister tot, würde es allen besser gehen.

So groß der Schmerz und die Sehnsucht in Bezug auf das verstorbene Kind auch sein mögen: Versuche deine Trauer zu moderieren, damit du deine Kinder nicht zu sehr damit belastest. Nimm ihnen gegenüber wieder die Position von Verantwortung und Fürsorge an. Das bedeutet, ihnen zu signalisieren, dass du wieder für sie da bist, dass du für sie sorgst, dass du dich um ihre Belange kümmerst und dass du ihnen sagst, wie dankbar du bist, dass sie da sind.

Deine lebenden Kinder haben Vorrang.

 
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