Wofür?
Immer wieder frage ich mich,
wofür der Tod von Lorenz gut gewesen sein soll!
Was will er mir sagen? Was soll daraus hervorgehen?
In Büchern las ich: „Vom Tod kann man das Leben lernen.“
Also, was soll ich lernen?
Bild: © Christel Gahse
Anfangs kam mir der Gedanke, dass ich als Übungsleiterin in der Kletterhalle mithelfe und somit aus der Leidenschaft von Lorenz etwas fortführe. Doch fürchtete ich die regelmäßige Verpflichtung.
Einmal sagte mir mein Inneres, dass ich ein Buch schreiben soll. Das Schreiben blieb mir in Form meines Tagebuchs und im jährlichen Brief an Lorenz.
Ein anderes Mal hatte ich die Vision, eine Saison auf eine Alm gehen zu wollen, doch finde erst einmal eine Alm, die mich als Nicht-Gastronomin und Nicht-Tierpflegerin nimmt. Zudem hatte mein Arbeitskollege just im selben Zeitraum eine Auszeit genommen. Heute weiß ich, dass ich die Kraft, die eine Alm abverlangt, nicht hätte. Allzu idyllisch stellte ich mir das Leben in den Bergen, quasi bei Lorenz, vor.
Einmal sah ich mich in Dachau am oder im Friedhof ein Cafe zu eröffnen, sodass die Menschen, die dort ein- und ausgehen, von ihren verstorbenen Menschen reden können. Es blieb bei der Vorstellung. Mir wurde gesagt, dass zwischen Idee und Umsetzung sehr viele Handlungsschritte und Stimmungen liegen. Das war mir dann doch zu viel.
Dann schwebte mir vor, mit meinem Mann, aufgrund unseres Schicksals aus Beruf und Umgebung wegzugehen und mit einem VW-Bus herumzufahren. Tja, meine Sehnsucht nach dem Wegsein war nicht seine Sehnsucht.
Nachdem die Klarinette 3 Jahre lang im Wohnzimmerregal lag und schlummerte, hatte ich den Wunsch seine Klarinette wieder zum Klingen zu bringen und das zu lernen, was Lorenz gekonnt hatte. Gewünscht – getan. 5 Jahre lang fühlte ich mich beim Musizieren meinem Kind verbunden und spürte endlich wieder was. Vor allem die tiefen Töne brachten meinen Körper zum Schwingen. Im Januar 2025 war´s vorbei, zu schwierig, zu hoch, diese Mundtechnik einfach zu verflixt. Von einem Tag auf den anderen ging nichts mehr und ich nahm das gute Stück nicht mehr in die Hand.
Ebenso geht es mir mit der Kleidung von Lorenz, die ich zum Bergsteigen und Schlafen trug. Allmählich sind die Sachen verschlissen und haben ausgedient. Geht mir damit auch mein geliebtes Kind verloren?
Sein Buch, das er einst einmal schrieb und bei dessen Abtippen ich ihm half, wollte ich lesen. Es liegt noch ohne meine eigenen Schokoflecken und Eselsohren im Bücherregal.
Ich malte und verarbeitete die Themen, die mir auf meinem Trauerweg begegneten. Zeigte und teilte …, das war gut. Aber auch dies findet gerade keinen Platz mehr, weil meine Mama in den Vordergrund gerückt ist.
Soll ich zurückblicken oder soll ich nach vorne schauen?
Nun, es sieht so aus, als ob meine Samen, die ich säte und die Pflänzchen, die ich zog, nicht gefruchtet haben. Bin ich ein Loser?
Ich verneine ganz klar!
Denn alles, all das oben Genannte, schenkte mir…, gab mir…, lässt mich…! Ich fühle mich reich …! Ich gewann dazu…!
Ich lebe immer noch!
Ich komme mehr vom Tun ins Sein!
Ich bin ein anderer Mensch!
Alles hat seine Zeit!
Bild: © Christel Gahse