Mir fehlen die Worte

"Mir fehl'n die Worte, ich hab die Worte nicht
Dir zu sagen, was ich fühl
Ich bin ohne Worte, ich finde die Worte nicht
Ich hab keine Worte für dich"

[Autor: Tim Bendzko; 2011]

Bild: © Annette Gautherie-Kampka

 

Morgen gibt es ein VIVAS-Treffen mit einer Blog-Werkstatt.

Ich gehe da hin, weil ich gerne inmitten der Verwundeten weile. Das löst in meinem Umfeld und meiner Familie durchaus Verwunderung aus.

Eigentlich schreibe ich nicht über meine Trauer. Denn die Trauer hat mich sprachlos gemacht. Mir fehlen einfach die Worte. Außer im Kreis der Verwundeten. Da habe ich das Sprechen wieder erlernt.

Meine Sprachlosigkeit, die durchaus eine Verweigerung ist, mich mitzuteilen, schützt mich, vor unbedachten Bemerkungen, Verletzungen, mich zu offenbaren in inadäquaten Momenten, vor peinlicher Berührung und betroffener Stille.

Früher habe ich viel geschrieben, Gedichte, Karten, Artikel, Katalogbeiträge, kleine Theaterstücke. Beruflich muss ich noch viel schreiben, Zusammenfassungen, Kommentare, Texte für Interviews, für die Homepage, für den internen Blog. Privat schreibe ich kaum noch.

Meine Worte sind meine Farben, meine Interpunktion die Linien und die Bewegung im Bild, meine Sätze die Flächen, mein Füller der Pinsel und meine Sprache das Bild. In dieser Welt fühle ich mich zuhause und geborgen, verstehe meine Sprache wer will, sie ist universell und kennt keine Barrieren, braucht keine Erklärungen und findet sich von alleine, mal vehement, mal zart, mal zügellos, unkontrolliert oder konstruiert und ausbalanciert.

Hier begegne ich meiner verstorbenen Tochter, die ihre Stifte wahrlich zum Fressen gern hatte und nie düstere Bilder malte. Hier begegne ich meiner Trauer um sie. Diese offenbart sich mir in all ihren Facetten. In diesem Raum gibt es kein Entkommen. Was sich zeigen will, zeigt sich, ob ich die Begegnung suche oder sie versuche zu meiden. Es zeigen sich meine Stimmungen; meine Gefühle und meine Emotionen finden ihren Platz.

Sogar mit Rotz und Tränen habe ich gemalt. Hab das Papier stumm angeschrien, die Leinwand mit Händen gestreichelt, mein Herz offengelegt und es wieder repariert, Trost und Heilung erfahren.

Hier kann ich frei bauen, dekonstruieren, entdecken, flüchten, mich finden, experimentieren. Ohne Verbote, ohne mich an Regeln zu halten.

Regeln gibt es für die Trauer nicht. Wie das kreative Tun ist sie ein Prozess, der Geduld mit sich selbst erfordert, Verständnis für sich selbst einfordert und Zeit braucht, die man sich nehmen und sich auch geben muss.

Wenn nichts mehr so ist, wie es war, ist man auch nicht mehr so wie man vorher war. Man muss sich neu definieren und das ist alles andere als einfach. Diese Transformation ist ein Prozess der Zeit und Raum braucht. Ich erlebe sie am intensivsten in der Begegnung mit meinen inneren Welten beim intuitiven Malen. Etwas, das ich in meinen Workshops den Teilnehmern versuche als Ressource nahezubringen.

Es ist eine Freude zu sehen, wie die Bilder wachsen, die Freude sich ausbreitet, gekämpft und verworfen wird, wie Ruhe einkehrt und die Verwunderung über die eigene Schaffenskraft sich einstellt.

Auf diese Weise kann ich VIVAS einen Teil von dem zurückgeben, was ich empfangen habe, als ich am tiefsten verwundet war und hoffentlich etwas Heilung und Zuversicht schenken.

Bild: © Annette Gautherie-Kampka

 
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