Maggy

Oh ja, wir hatten ein teilweise schwieriges Verhältnis: Du hasstest Männer, Autos und kleine schwarze Hunde. Du hast mich das Schlafzimmer nicht mehr betreten lassen oder wenn, dann nur unter lautstarkem Protest. Häufig beim Spazierengehen hatten wir unterschiedliche Vorstellungen: Du wolltest unbedingt in die eine Richtung, ich in die andere. Du wolltest nur schnüffeln und ich wollte nur weiter nach Hause, um mich wieder den tausend Dingen des Alltags zuzuwenden.

Bild: © Gerald Riedl

 

Du warst eine Mischlings-Hundedame aus dem Tierschutz. Du hattest eine unklare Vergangenheit und einen noch viel obskureren Stammbaum. Du kamst vor fast 13 Jahren in unsere Familie und hast uns seitdem begleitet. Du hattest vermutlich viel Schlechtes erlebt, bevor man dich gerettet und nach Deutschland gebracht hat. Und ja, du warst ängstlich und traumatisiert. Du brachtest nichts mit außer deinem Namen: „Maggy“, so stand es in den Papieren, die wir mit dir zusammen erhalten haben.

Die Annäherung zwischen dir, Maggy, und mir dauerte lange und musste über ereignisreiche Spaziergänge zu zweit und viele Leckerlis vermittelt werden.

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Maggy, du Unverbesserliche, die du täglich den Terrier in dir ausleben musst, indem du mindestens drei- oder viermal am Tag zum Leidwesen der Nachbarn laut bellend die Grenzen des Grundstücks verteidigst und voller Pflichtbewusstsein jede Katze mit Verve vom Grundstück vertreibst.

Maggy, du Zärtliche, die du noch ganz spät deine mütterlichen Eigenschaften entdeckst, als du irgendwann einen kleinen gelben, quietschenden Gummihund erhaschst, der als Beigabe zu einer Futterlieferung gekommen war. Ihn vorsichtig ins Maul nimmst, ihn wie einen Welpen herumträgst und liebevolle Laute von Dir gibst.

Maggy, du Begleiterin und Heldin unseres Alltags, die du durch dein Hin- und Herstreifen eine dunkle Spur an der weißen Wand im Gang unserer Wohnung hinterlassen hast, wo du dich nach dem Baden oder nach langen Spaziergängen abzurubbeln pflegst.

Bild: © Gerald Riedl

 

Aber vor allem, Maggy, bist du ja nicht mein Hund, sondern der Hund meiner Tochter:

Es war sie, die so viel Zeit mit dir verbrachte und für die du so unfassbar wichtig warst. Vor deren Bett du Nacht für Nacht auf deinem Hundekissen lagst.

Es war sie, die dir all diese Kunststücke beibrachte, die dich auf Kommandos hören ließ, welche du beim Rest der Familie einfach ignoriertest,

die dich gelehrt hatte, ihr mit dem Maul die Socken auszuziehen und ihr diese wieder zu reichen. Immer und immer wieder.

Es war sie, die dich trotz deiner zweifelhaften charakterlichen Einigung zu einem Rettungs- und Pflegehund ausbilden wollte: Deine persönliche Hundetrainerin.

Es war sie, die uns in ihrem Abschiedsbrief aufgetragen hatte, wir sollten dir, Maggy, auch zukünftig jeden Tag sagen, wie süß du seist.

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Auch als das Bett unserer Tochter leer blieb, schien für dich alles unverändert weiterzugehen. Du schliefst nach wie vor auf deinem Kissen vor dem Bett. Du stießt weiterhin mit dem charakteristischen Geräusch deiner Schnauze die Türe auf und bahntest dir deinen Weg ins Wohnzimmer, um dich dort auf deinem zweiten Ruhekissen erneut geräuschvoll niederzuwerfen.

Maggy, du wechseltest die Räume wie immer. Du schienst unsere Tochter - deine Partnerin, persönliche Trainerin und Bettgenossin - nicht zu vermissen.

Wir fragten uns oft: War in dieser Zeit durch die vielen Klinikaufenthalte unserer Tochter ein Abstand entstanden? Oder war ihr Geruch noch immer so sehr im Raum und täuschte ihre Gegenwart vor?

Nein, das konnte nicht sein. Unserer Tochter hat 9 Jahre mit dir verbracht. Sie war es, die die engste Beziehung zu dir hatte.

Ganz im Gegenteil. Mit der Zeit wurde uns klar: Irgendetwas von unserer Tochter schien in dir weiterzuleben.

Und so haben wir den Auftrag nur noch ernster genommen und vermittelten dir jeden Tag mit Worten oder Gesten, wie süß du doch bist.

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Das Leben in unserer Familie und mit dir ging weiter. Irgendwie. Du bliebst der Mittelpunkt der Familie. Aber es begann sich langsam etwas zu verändern: Du hast die Katzen nicht mehr mit der gleichen Geschwindigkeit verjagt. Du hast unser Grundstück nicht mehr mit der gleichen Energie verteidigt. Du wolltest immer seltener spielen oder hast das geruhsame Schnüffeln dem schnellen Laufen vorgezogen.

Im Hintergrund kamen ab und an diese Fragen auf: Wie würde es sein, wenn uns am Morgen auf einmal kein Gebell aus dem Bett hochschrecken würde? Wenn wir uns auf unseren Spaziergängen wie üblich umdrehen, aber umsonst nach Dir Ausschau halten würden? Wenn Dein Hundekissen vor dem Bett unserer Tochter auf einmal leer bliebe?

Und dann nach Weihnachten ging es Dir plötzlich schlechter: Tierarzt, Tierklinik und wieder Tierarzt und unklare, aber definitiv besorgniserregende Diagnosen. Du hast immer weniger gefressen und wurdest immer schwächer. Die Wohnung ähnelte zusehends einer Palliativstation. Allein der Patient wollte seine Tabletten nicht nehmen und musste mit viel List, gemeinsamer Anstrengung und reichlich Leberwurst dazu überredet werden.

So saßen wir zu dritt um Dich herum in deinen letzten Tagen und streichelten dir das Fell und liebkosten dich. Und weinten abwechselnd, weil wir wussten, dass nicht mehr viel Zeit bleibt.

Und weil da mehr zu Ende ging als ein Hundeleben. Weil wir dir bald nicht mehr sagen würden können, wie süß du bist.

Bild: © Gerald Riedl

 

Und ja: Diese letzten Tage haben uns als Familie zu dritt so sehr zusammengeführt in Liebe und Trauer wie kaum ein Ereignis in den letzten 4 Jahren.

Und ja: Irgendetwas in mir denkt diesen kindlichen Gedanken, dass du sicher in den Hundehimmel kommen wirst.

Und dass es da eine verborgene Brücke in den Menschenhimmel geben mag.

Und dass du den Weg zu unserer Tochter genauso finden wirst wie damals, als Du uns durch die labyrinthartigen Gänge des Krankenhauses gezogen und zielsicher vor ihre Stationstüre gebracht hast.

Und: Ich möchte daran glauben, dass unsere Tochter sich von dir wieder die Socken ausziehen lässt.

Bild: © Gerald Riedl

 
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