Trotz allem
… Ich bin zwei – die, die versucht, ein gutes und erfülltes Leben weiterzuführen, und die, der genau das unmöglich erscheint.
Bild: © Ulrike Fink
Morgens aufstehen. In der Küche schaut mich Johannes freundlich und ein bisschen schelmisch an.
Ein Foto. Der reale, be-greifbare Mensch ist nicht mehr da. Der Anblick ist jeden Morgen aufs Neue ein Stich ins Herz. Auch tägliche Wiederholung gewährt da kaum Gewöhnung.
Und trotzdem: da ist so viel Liebe in mir für Johannes, meinen Sohn. Liebe, die geblieben ist. Ich schlucke, schicke einen Liebesgruß Richtung Universum und zünde die Kerze an.
Bild: © Ulrike Fink
Die Johannisbeeren im Garten sind reif. Johannes hat sie so geliebt. Weder mit Beeren noch mit Marmelade kann ich ihm noch eine Freude bereiten.
Und trotzdem: ich pflücke und koche Marmelade. Mit ein paar Gläsern mache ich anderen lieben Menschen eine Freude. Ein paar rote, weiße und schwarze Johannisbeeren bringe ich ans Grab. Die Krähen, regelmäßige Besucher, werden sich freuen.
Bild: © Ulrike Fink
Johannes’ Geburtstag steht an. Wie um Himmels willen kann man einen Geburtstag feiern ohne das Geburtstagskind? Die Familie trifft sich, der Tag wird tränenreich.
Und trotzdem: wir lassen Luftballons in den Himmel steigen, mit kleinen Botschaften daran für Johannes. Die Ballons steigen in den strahlend blauen Himmel und verschwinden zwischen den weißen Schäfchenwolken. „Wo ist der rote Ballon jetzt?“ „Na da, beim Sporn von Italien!“ „Italien??“ Aber Italien bleibt nicht lange, verformt sich zu einem anderen Wolkengebilde. Bald sind alle Ballons für unser Auge unsichtbar geworden. Etwas Leichtes, beinahe Fröhliches, gesellt sich zur Trauer.
Bild: © Ulrike Fink
In der Arbeit ist das Klima unerträglich geworden. Alles spricht für Neuorientierung. Aber Stellenangebote durchackern, Bewerbungsfotos, Lebenslauf - schon für jeden einzelnen Schritt fehlt mir die Kraft. Alles zusammen wirkt wie ein unüberwindbarer Achttausender.
Und trotzdem: irgendetwas in mir schafft es doch, sich auf den Weg zu machen.
Mein Lieblingsgatte schiebt und redet mit Engelszungen, mein Sohn und die KI formulieren im Bruchteil von Sekunden erstaunlich gelungene Bewerbungsunterlagen, mein Physiotherapeut pinnt mir nervenberuhigende Akkupunkturnadeln ans Ohr.
So viel unterstützende Anteilnahme füllt mein Herz mit Wärme und Dankbarkeit.
Bild: © Ulrike Fink
Ich möchte eine potentielle neue Chefin bei LinkedIn googeln. Das Passwort zum einst mit Johannes` Hilfe errichteten Account ist längst vergessen, und aus mir unerfindlichen Gründen lässt sich kein neues erstellen.
Am liebsten würde ich den ganzen Kram in die Ecke hauen, Geduld gehört bei Computerangelegenheiten nicht zu meinen Tugenden.
Trotzdem drücke ich genervt und planlos auf der Tastatur herum.
Im Gegensatz zu mir vergisst das www nichts, und plötzlich taucht aus den unendlichen Weiten des Netzes mein Passwort auf dem Bildschirm auf. Es lautet tatsächlich: „Johannes!“
Ich sehe ihn neben mir sitzen, grinsend und heimlich leicht mit den Augen rollend. Mein geduldiger und zuverlässiger Helfer bei allen Computerfragen! „Du musst doch verstehen, was du tust, nicht einfach auf die Tasten drücken“ waren immer wieder seine Worte.
Für Computerfragen ist das sicherlich zutreffend. Heute ist es mir völlig egal, warum und woher mir dieses wunderbare Passwort geschickt wurde. Ich bin einfach nur glücklich darüber. „Johannes!“
Bild: © Ulrike Fink
Das Leben scheint aus so vielen „Und trotzdem“ zu bestehen.
Ich atme ein. Ich atme aus.
Und ich gehe. Schritt für Schritt.
Für Johannes und mit Johannes.
Trotz allem und wegen allem.
Das Leben ist schön.
Trotz allem.