Growing around grief (2/2) - “Das Labyrinth”

Während unseres VIVAS-Klausurwochenendes machten wir uns unter Führung von Marlene auf zu einer gemeinsamen Wanderung.
Dabei folgten wir den Spuren eines Künstlers, der seine Werke nicht neben die Natur stellt, sondern sie behutsam in sie hineinwebt. Stein, Holz, Erde, Licht und Schatten bleiben, was sie sind. Erst beim genauen Hinsehen werden seine Arbeiten sichtbar. Sie wirken, als hätten sie schon immer dorthin gehört.
Gerade das beeindruckte uns.

Bilder: © Stefan Philipps

 

Sinnbildlich braucht Trauer einen Weg, auf dem das, was geschehen ist, seinen Platz im Leben finden darf – so selbstverständlich und zugleich so aufmerksam, wie die Kunstwerke ihren Platz im Wald gefunden haben.
Während wir weitergingen, entdeckten wir schließlich eine Art Labyrinth, das in den Waldboden eingearbeitet war. Es passte so selbstverständlich in die Landschaft, dass wir beinahe daran vorbeigegangen wären.
Und plötzlich wurde für mich aus diesem Kunstwerk ein starkes Bild für Trauer.

Ein Labyrinth ist nicht zu verwechseln mit einem Irrgarten.

Sie unterscheiden sich grundlegend.

Im Irrgarten verliere ich mich,
suche den richtigen Weg,
gerate in Sackgassen,
finde nicht mehr heraus.
Ich zweifle daran,
überhaupt jemals an ein Ziel zu kommen.

Im Labyrinth ist das anders.
Es gibt einen einzigen Weg.
Er führt durch viele Kurven.
Er nähert sich der Mitte.
Er entfernt sich wieder von ihr.
Er führt in die entgegengesetzte Richtung.
Aber er bleibt derselbe.
Der Weg führt sicher zur Mitte.
Und ebenso sicher wieder hinaus.

Genau das macht dieses Bild für mich so verständlich
und in gewisser Weise auch tröstlich.

Wir trauernde Menschen erleben Augenblicke,
in denen wir glauben, wieder ganz am Anfang zu stehen.

Ein Lied.
Ein vertrauter Geruch.
Ein Schmetterling.
Ein Geburtstag.
Ein leerer Platz.

Der Schmerz ist plötzlich wieder da.

Dann fühlt sich Trauer an wie ein Irrweg.
Doch sie ist keiner.
Sie gleicht vielmehr einem Labyrinth.
Jede Wegbiegung gehört zum Weg.
Jeder Schritt führt weiter.
Nicht immer sichtbar.
Nicht immer spürbar.

Aber zuverlässig.

Die Mitte ist kein Ort, an dem alle Fragen beantwortet werden.

Sie ist ein Ort der Begegnung.
Mit dem Menschen, der fehlt.
Mit der Liebe, die geblieben ist.
Mit der eigenen Geschichte.

Mit den Menschen, mit denen ich mich dank VIVAS im Herzen verbunden fühle.

Und schließlich führt das Labyrinth weiter.
Nicht zurück in das Leben von früher.
Aber hinein in ein Leben, das im Miteinander größer geworden ist.

Ein Leben, das den dunklen Faden der Trauer nicht heraustrennt, sondern weiterwebt.
Faden für Faden.
Schritt für Schritt.

Der Tod hat das Leben verändert.
Nicht die Liebe.

Und genau deshalb führt das Labyrinth nicht aus der Liebe heraus.
Es führt mit der Liebe weiter durchs Leben.

 
 
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Growing around grief (1/2) - “Gewebe”