Trauer ist nicht gleich Trauer

Ganz andere Seiten der Trauer erlebt Birgit seit dem Tod ihrer Mutter, sechs Jahre nachdem ihre Tochter Nina gestorben ist.

Bild: © Birgit Kröniger

 

Die Winterlinge, die ihre gelben Köpfchen den ersten warmen Sonnenstrahlen entgegenstrecken, haben mich dieses Jahr melancholisch gestimmt. Die Frühlingsboten stammen aus dem Garten meines Elternhauses, in dem ihr mittlerweile riesiger Blütenteppich für unsere Familie einen Stellenwert hat wie die Kirschblüte in Japan. Eine Farbexplosion in Gelb als Startsignal für den Frühling, und mittendrin meine Mutter im Rollstuhl, die sichtlich Freude an der Blütenpracht hat. Hatte.

Vor einem halben Jahr ist meine Mutter gestorben, nach langen Jahren des Abschieds, friedlich und eng von uns begleitet. Und obwohl ich viele weitere Erinnerungsstücke an sie habe, sind es gerade die gelben Blüten, die mir ihren Tod bildhaft vor Augen führen. So wie mich der Anblick ihrer Lieblingspralinen wehmütig macht, die neuerdings am Eingang unseres Supermarkts angeboten werden. Dabei fühlt sich die Trauer um meine innig geliebte Mutter ganz anders an als das, was ich nach dem bis heute unfassbaren Tod unserer Tochter Nina empfunden habe.

In mir ist eine Traurigkeit, die sich irgendwie friedlich anfühlt. Die Trauer um meine Mutter ist nicht wie eine tiefschwarze Wolke, die dauerhaft drückend über mir hängt und mein gesamtes Denken und Handeln beherrscht, vom morgendlichen Aufwachen bis zum Einschlafen. Sie taucht immer wieder auf, ausgelöst durch Bilder und Erinnerungen. Sie ist aber auch nicht unberechenbar. Eher wie eine melancholische Freundin vorbeischaut und dann auch wieder geht.

Es ist eine Trauer, in der es sich von Anfang an tröstlich angefühlt hat, an gemeinsame Momente zu denken, familiäre Bonmots zu nutzen oder über den besonderen Humor meiner Mutter zu schmunzeln, den ich als Teenager völlig unpassend fand. Ihre Gerichte nachzukochen oder ihre Lieblingskuchen zu backen, verursacht bei mir keinen unaushaltbaren Schmerz. Der Tod meiner Mutter ist - bei aller Schwere - kein Verlust, der mein Leben in ein Vorher und ein Nachher gespalten und meinen gesamten Alltag in Stücke gehauen hat.

Im Kontakt zu anderen merke ich: Das ist ein Verlust, bei dem die Menschen nicht ganz so unsicher sind, was sie zu mir sagen oder wie sie mit mir umgehen sollen. Tatsächlich ist der Verlust der Eltern eine Erfahrung, die früher oder später alle trifft und die viele auch schon gemacht haben. Ganz anders sieht es beim Tod eines Kindes aus, der in unserer Gesellschaft selten ist und bei anderen Menschen größte Verunsicherung auslöst. Er katapultiert einen weit heraus aus dem Erfahrungshorizont der meisten Menschen.

Für mich am überraschendsten: Die Trauer um meine Mutter kommt ganz ohne Selbstanklage daher, ganz ohne das Gefühl, nicht genügt oder etwas übersehen zu haben. Darüber bin ich erleichtert! Und so lässt mich diese Trauer immer wieder auf meinen langen Weg zurückblicken, den ich seit Ninas Tod gegangen bin. Mit der Trauer als wandelbare Begleiterin, die es mich gelehrt hat, mit meinem furchtbaren Verlust weiterzuleben. 

Natürlich habe ich mir auch in diesem Jahr die gelbe Blütenpracht im elterlichen Garten nicht entgehen lassen und kurz über den Zaun gelugt. Denn unser Garten ist in neuen, guten Händen, eine junge Familie ist eingezogen. Und wenn sie die Winterlinge schön in Ruhe lassen, werden die sich auch künftig weiter ausbreiten und mit ihrem Leuchten das Frühjahr einläuten.

Bild: © Birgit Kröniger

 
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Ein Gedicht von Michelangelo