Beziehungen und Freundschaften 

sind wie Blätter im Herbst. Sie fallen, wenn es ihnen zu bunt wird.

Von Trauer, Freundschaft und den Farben des Lebens

Bild: © Stefan Philipps

 

Jetzt im Herbst kommen mir einige Gedanken, wenn die Bäume sich zu verändern beginnen; zunächst ganz unauffällig. Dann leuchten sie in Gelb, Rot und Orange. Manche Blätter fallen früh, andere bleiben noch lange an den Ästen. Jedes Blatt hat seine eigene Farbe, seine eigene Zeit.

Auch unsere Beziehungen zeigen sich in unterschiedlichen Farben. Besonders dann, wenn ein geliebter Mensch stirbt.

Wir erleben Mitmenschen, die sich zurückziehen. Einige finden keine Worte. Andere versprechen, sich zu melden. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate. Und irgendwann begegnen sie uns wieder, als wäre nichts geschehen.

Dabei ist sehr viel geschehen.

Wir haben einen Menschen verloren, den wir lieben. Wir haben Tage und Nächte erlebt, von denen andere kaum etwas wissen. Und wir haben auf Menschen gehofft, die uns in dieser Zeit begleiten.

Auch am Arbeitsplatz erleben wir bisweilen, wie schnell die Welt wieder zur Tagesordnung übergeht. Die ersten Tage gibt es Anteilnahme, freundliche Worte und Verständnis. Dann warten Aufgaben, Termine und Erwartungen. Die gewohnte Leistung wird wieder gebraucht. Kolleginnen und Kollegen sprechen über ihren Alltag. Und der Mensch, der gestorben ist, wird immer seltener erwähnt, damit verlieren wir ein Stück gemeinsamer Erinnerung.

Für uns bleibt er Teil unseres Lebens.

Und dann gibt es die anderen Erfahrungen. Eine Karte im Briefkasten, mit der wir nicht gerechnet haben. Eine Blume vor der Haustür. Eine Kerze am Grab, von der wir nicht wissen, wer sie angezündet hat. Ein Mensch, der nach Jahren noch an einen Geburtstag denkt oder den Namen unseres geliebten Menschen ausspricht. Kleine Gesten, die uns spüren lassen: Da ist jemand, der sich erinnert. Jemand, der uns und unsere Trauer nicht vergessen hat.

Nicht alle Menschen, die sich zurückziehen, handeln aus Gleichgültigkeit. Einige sind hilflos. Andere haben Angst, etwas Falsches zu sagen. Wieder andere glauben, sie würden uns helfen, wenn sie das Thema vermeiden.

Das können wir hören. Trotzdem tut es weh.

Unsere Geduld hat Grenzen. Wir haben Verständnis aufgebracht, auf Nachrichten gewartet, selbst wieder den ersten Schritt gemacht. Irgendwann spüren wir, dass sich etwas verändert. Enttäuschung und Ärger bekommen ihren Platz. Auch Wut.

Irgendwann wird es uns zu bunt.

Und dann stellt sich eine neue Frage: Welche Beziehungen tun mir gut? Wo darf ich mit meiner Trauer sein? Wer hört mir zu, auch wenn ich dieselbe Geschichte zum zehnten Mal erzähle? Wer hält es aus, wenn ich weine? Und mit wem kann ich lachen, ohne meine Trauer erklären zu müssen?

Auch das gehört zu unserem Weg durch die Trauer. Wir lernen, Beziehungen neu wahrzunehmen. Einige gehen verloren. Andere bekommen eine Tiefe, die wir vorher nicht kannten. Und es gibt Menschen, die neu in unser Leben treten.

Menschen, denen wir vorher nie begegnet sind und die wir ohne unseren Verlust nicht kennen würden. Mit ihnen verbindet uns plötzlich etwas Wesentliches. Wir teilen Erfahrungen, für die uns oft die Worte fehlen. Und wir entdecken, dass aus solchen Begegnungen eine neue Gemeinschaft entstehen kann. Eine Gemeinschaft, in der unsere Trauer ebenso ihren Platz hat wie unsere Freude am Leben.

Und während wir Menschen noch überlegen, wie wir mit all diesen Veränderungen umgehen, machen die Bäume einfach weiter. Sie lassen ihre Blätter fallen. Ganz ohne Beziehungsberatung.

Unter den gefallenen Blättern beginnt eine stille Verwandlung. Sie werden zu Humus. Was vergangen ist, wird Teil des Bodens, aus dem neues Leben wachsen kann.

Unsere Liebe und Verbundenheit mit den Verstorbenen bleibt und verändert sich mit uns.

Nach und nach kommen wieder Farben in unser Leben. Andere Farben als früher. Sie nehmen dem Schmerz nichts von seiner Bedeutung. Sie gehören zu ihm, so wie die hellen und dunklen Farben zum Herbst gehören.

Wenn ich an VIVAS denke, sehe ich genau diese Vielfalt. Da wird gestrickt oder gemalt, gemeinsam gewandert, über Bücher gesprochen und Tischtennis gespielt. David hält einen Vortrag, Doreen gestaltet ein gemeinsames Wochenende, Elisabeth lässt mit ihrer Vergoldung Risse sichtbar werden und bei einer Teezeremonie nehmen wir uns Zeit füreinander.

Menschen bringen ihre Begabungen, ihre Geschichten und ihre Freude am Leben mit. Und ebenso ihre Trauer. Alles darf dazugehören.

So entstehen neue Begegnungen, Freundschaften und eine Verbundenheit, die trägt. Nicht weil die Trauer verschwindet, sondern weil neben ihr wieder anderes wachsen darf.

Wir können einander den Schmerz nicht nehmen. Wir können jedoch füreinander da sein, ein Licht anzünden, einander zuhören, miteinander weinen und auch wieder lachen.

Und so bringen wir einander neue Farben ins Leben.

Ich wünsche uns Menschen, die bleiben. Die sich erinnern, auch wenn der Kalender längst weitergeblättert wurde. Die unseren Verstorbenen beim Namen nennen und auch nach Jahren noch wissen, wer uns fehlt.

Und ich wünsche uns, dass wir selbst solche Menschen sein können. Nicht immer, nicht perfekt und schon gar nicht auf Bestellung.

Denn es braucht nicht viel, um einem anderen Menschen zu zeigen: Ich denke an dich.

„Die Bäume tun inzwischen das Ihrige.“

Bild: © Stefan Philipps

 

Komm, setzen wir uns zusammen.

Du mit deinen Farben, ich mit meinen.

Auch wenn es uns zu bunt wird, 

bleiben wir trotzdem miteinander verbunden!

„Die Bäume tun inzwischen das Ihrige.“ 

Bild: © Stefan Philipps

 
 
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