… Wenn heute der Kuckuck ruft
Bild: © Elisabeth und Stefan Philipps
Als unser Sohn Tilman sich im Frühjahr 2015 das Leben nahm, hörte die Welt auf, Welt zu sein.
Wir konnten zunächst nichts mehr.
Nicht denken.
Nicht planen.
Nicht verstehen.
Die ersten Monate waren farblos.
Alles wirkte stumpf und fern.
Ein Gelb war nicht mehr einfach gelb.
Es trug einen Schatten.
Eine leise Dunkelheit.
Auch das Blau des Himmels
war nicht mehr nur hell.
Selbst schöne Tage trugen plötzlich Wehmut in sich.
Die Trauer berührte jede Farbe.
Reine Farben gab es nicht mehr.
Mit der Trauer veränderte sich alles.
Nicht nur das, was wir sahen.
Auch das, was wir hörten.
Was wir fühlten.
Wie wir die Welt wahrnahmen.
Nichts war mehr selbstverständlich.
Und trotzdem begann irgendwann,
ganz langsam, etwas Neues.
Nicht, weil die Trauer kleiner geworden war,
sondern weil wir lernten, mit ihr zu leben.
Wir begannen wieder spazieren zu gehen.
Meist schweigend.
Ein Weg wurde uns besonders vertraut:
der Rundweg um den Höhberg.
Früher gingen wir dort nie.
Erst durch den Tod unseres Sohnes
bekam dieser Weg eine Bedeutung.
Gerade deshalb war er für uns gut,
weil dort keine Erinnerungen auf uns warteten.
Eines Tages geschah etwas,
das uns bis heute begleitet.
Mitten im Gehen
rief plötzlich ein Kuckuck.
Wir blieben stehen.
Elisabeth und ich
nahmen uns an den Händen.
Ohne lange nachzudenken,
war für uns beide derselbe Gedanke da:
Ein Gruß von Tilman.
Natürlich wissen wir,
dass ein Kuckuck einfach ruft.
Aber Trauer lebt nicht nur von dem,
was sich beweisen lässt.
Sie lebt auch von dem,
was das Herz erkennt.
Für uns war es kein Beweis.
Keine Erscheinung.
Kein Wunder.
Eher ein sanfter Wink.
Und in den Tagen danach passierte es wieder. Kaum waren wir draußen,
im Garten oder im Wald, hörten wir den Kuckuck.
Immer wieder.
Fast so, als wollte er sagen:
„Bleibt dran.
Bleibt im Leben.
Ich bin da.
Ihr seid nicht allein.“
Und seltsamerweise tat uns genau das gut.
Der Ruf des Kuckucks löste in uns etwas aus.
Er traf die innere Sehnsucht nach Antworten.
Seit jenem Tag
ist der Ruf des Kuckucks für uns
mehr als nur ein Vogelruf.
Er erinnert uns.
An Tilman.
An unsere Liebe.
Daran, dass die Verbindung
nicht mit dem Tod endet.
Bis heute ist es so:
Wenn irgendwo ein Kuckuck ruft,
schauen wir uns an
und können wieder lächeln.
Nicht, weil die Trauer verschwunden ist.
Sondern weil sie gelernt hat, sie darf mit uns sein, unsere Begleiterin, die wir in unser Leben integrieren wollen und müssen.
Und das ist eines der leisen Wunder des Lebens:
Dass selbst im dunkelsten Schmerz
irgendwann wieder ein Ruf zu hören ist,
der das Herz erreicht.
Wenn heute der Kuckuck ruft,
dann hören wir nicht nur einen Vogel.
Wir hören Liebe,
die geblieben ist.
Bild: © Elisabeth und Stefan Philipps